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Jakobs Weg Laudatio zur Ausstellungseröffnung von Heidi Bayer-Wech im Kunstverein Bad Aibling am 13.1.2008
Jakobs Weg – im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht der gleichnamige Zyklus von 21 Arbeiten, Acryl auf handgeschöpftem Büttenpapier im Format DIN A4, die im Jahr 2005 entstanden sind.
Der Anlass war ein persönlicher, die Sorge der Familie um das erste Enkelkind, Jakob, der gerade zur Welt gekommen war und Herzprobleme hatte. Die Situation war ernst. Auch Heidi Bayer-Wech war voller Sorge um Jakob und kaum in der Lage zu arbeiten. In dieser schwierigen Phase erhielt die Familie von vielen Seiten Unterstützung. So entstand in einem Gespräch unter Freunden auch die Anregung, mit den ureigensten Mitteln, die einem Künstler zur Verfügung stehen, Jakob dabei zu unterstützen, seinen Weg ins Leben hinein zu finden. Als Heidi Bayer-Wech sich für diesen Weg entschied, kehrte ihre Kraft zurück. Sie malte, 21 Tage lang, jeden Tag ein Bild für Jakob. Darüber hinaus entstanden einige ergänzende Studien. Einmal mehr wurde hier deutlich, was für ein Geschenk Unterstützung und Zuwendung sind, und dass wir selbst reich beschenkt werden, wenn wir uns jemandem zur Seite stellen, der Hilfe braucht. Wir als Betrachter dieser Ausstellung werden nun ebenfalls zu geistig Verbündeten Jakobs und haben an dem eindrucksvollen Prozess des in die Welt und in das Leben Hineinwachsens teil, einem elementaren Erleben, das uns alle angeht, erinnert es uns doch auch an unser eigenes Hierherkommen und Hiersein.
Fein, staunend, zaghaft, aber auch voller heftiger Spannung und Kampf sind die Bewegungen, die diese Chronik einer wachsenden Lebenskraft wahrnimmt und darstellt, einer Lebenskraft, die zunächst vollauf mit der eigenen inneren Welt beschäftigt ist, sich dann ortet, stärker wird und beginnt, die äußere Welt wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Das kräftige Rot im Zentrum der Bilder flackert unruhig, der Raum muss erst ausgelotet werden. Rot – ein Symbol für das Leben, das sich entfalten will und das verletzlich ist. Rot, die Farbe des Herzens, des Blutes, für die Künstlerin ein Zeichen von Kraft und Zuneigung. Erst in der Abfolge der Arbeiten formt sich das Chaos, beruhigt sich das pulsierende Treiben, und Farbpunkte verbinden sich langsam zu flächigen, lichtdurchfluteten Raumstrukturen, die häufig in Blautönen gestaltet sind, vertikale und horizontale Linien, die uns Häuser assoziieren lassen. Blau als Farbe des Himmels, der Luft, der geistigen Welt.
Jakob geistig zu begleiten und zu unterstützen mit Licht und Luft und Kraft war, was Heidi Bayer-Wech wollte. So laden diese Arbeiten uns ein, vielerlei Räume zu betreten, organisch anmutende Körperräume, Räume für die Seele, Räume, in denen einzelne Bauelemente immer wieder neu aneinander anwanden und sich zusammenfinden, Lichträume. Befinden wir uns innen oder außen, sehen wir hinein oder hinaus, vielleicht lässt sich beides auch gar nicht voneinander trennen. Es ist, als wären wir Fragende und Suchende, unterwegs in der architektonischen Landschaft der Bilder, und bemühten uns um Orientierung. Hier tun sich Licht und Schatten auf, die unterschiedlichsten Wege, Eingänge, Ausgänge, Türen in eben diese Räume aus Licht und Luft und Kraft. Die ergänzenden einzelnen Werke, die hier ausgestellt sind, vertiefen diese Eindrücke jeweils noch. Hier einige Anmerkungen dazu: "Atelierfenster" (vorwiegend Blau) Öl auf Leinen 120:140 cm, entstanden im Sommer 1999, eine Komposition aus Licht und Schatten, bei der offen bleibt, was innen und außen ist.
"Rot in Rot" Öl auf Leinen 120: 140 cm, entstanden ebenfalls im Sommer 1999. Das mehrschichtige Rot weist auf die Tiefe des Seins hin. Scheinbar ruhige Kraftfelder sind sehr lebendig und vielschichtig gemalt. In diesem Kraftfeld Rot in Rot begegnen wir leisen und lauten Rottönen.
" Lichtraum" 100: 80 cm Öl pastos auf Leinen, im Frühjahr 2003 entstanden. Ein lichtdurchfluteter Raum lädt uns ein zum Hineingehen in das Bild. Dieses Bild korrespondiert mit der Leichtigkeit und Luftigkeit der Lichträume in den Jakobs-Bildern.
Pastoses Ölbild 100:80 cm, 2003. Mehrschichtig, pastos, pulsierend wie Blut. Heftige Gefühle kommen hier zum Ausdruck. Das Bild vermittelt Intensität, Dramatik, ein Wagnis. Ein Gebäude schiebt sich von rechts nach links. Eine sichtbare Architektur wird durch ein Gerüst angedeutet, Strukturen, über die auch der Körper verfügt. Insbesondere Kraft wird hier betont.
" Rotes Haus" 100:80 cm Öl auf Leinen, entstanden 2003. Lädt ein zum Hineingehen. Das Haus ist rot, es leuchtet. Bei den Jakobs-Bildern sind Herz und Häuser ebenfalls rot – als Symbol liebevoller Kraft und Zuneigung. Das Haus ist auch ein Symbol für Seele.
"Mabuhay“ Öl auf Leinen, entstanden 1999, bedeutet auf Tagalog so viel wie „Schönes, langes Leben und Willkommen“. Häuser, Räume, und Wege sind Schlüsselthemen im Werk der Künstlerin, mit denen sie sich immer wieder auseinandersetzt. Dramatisch, gleich dem Geschehen auf einer Bühne, treffen die Farben wie Akteure aufeinander, verdichten sich, verknoten sich, ringen miteinander und verzweigen sich schließlich in unterschiedliche Richtungen. Dabei denken wir an die Aktionsräume von Emilio Vedova, die in den Arbeiten seiner Schülerin Heidi Bayer-Wech ihre Entsprechung in den so genannten Kraftzentren finden. Der spannungsgeladenen Fülle kann man nicht entrinnen. Es gilt, sie auszuhalten und zu erforschen. Abgründe tun sich auf. Doch dann setzt sich das Licht durch, das als leuchtendes Gelb immer schon vorhanden ist, bringt mit stillen weißen Flächen Klarheit und Beruhigung in all die Aufgeregtheit hinein und bannt die Gefahr wie die Morgenröte das Dunkel der Nacht. Und das ist gut so, denn das Geschehen ist dramatisch. Jakob hat seinen Weg gut gemeistert. Und wie ist es mit uns und unserem Weg durchs Leben? Was finden wir in unseren Lichträumen? Sehen wir überhaupt öfter mal nach? Die Künstlerin meint, es lohnt, den Weg achtsam zu gehen. Ist er doch ein Sinnbild für das Leben selbst mit all seinen vielen Entdeckungen, Freuden, Irrtümern und Einsichten. Viele erkennen das, besinnen sich und machen sich auf den Weg, beispielsweise auf den berühmten Pilgerweg nach Santiago de Compostela, wo sich das Grab des Apostels Jakobus befindet. Der alten spirituellen Tradition des In-Sich-Gehens ist ja auch Bad Aibling durch seinen Stadtteil Willing verbunden, wo sich im Mittelalter eine Raststätte des Jakobswegs befand. Achtsam unterwegs sein können wir jederzeit und überall, auch hier und jetzt. Ein spanisches Sprichwort sagt es so: „Wanderer, es gibt keinen Weg. Der Weg entsteht beim Gehen.“ In diesen Arbeiten wird ein weiter Weg zurückgelegt: Vom Chaos beim Aufeinanderprallen existenzieller Kräfte und der Suche nach Orientierung bis hin zu einer klaren Licht-Raum-Struktur, die Verwundbarkeit erlaubt und gerade dadurch Poesie und Kraft gewinnt wie auch das Vertrauen auf die alles tragende Bewegung hin zum Licht. © Kerstin M. Möller, München 2008 |