Dr. Angelika Burger   -   Das Mühlrad der Geschichte

 

Stonesteles   1984-91

  Stonesteles    1984-91  -  20 x 95 cm bis 50 x 210 cm

Stonesteles   1984-91  -  20 x 95 cm bis 50 x 210 cm

Der Artikel von Frau Dr. Angelika Burger widmet sich den Steinarbeiten der Künstlerin Heidi Bayer-Wech. Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Dr. Burger erläutert im Detail Arbeiten wie die Steinsäulen "Stonesteles", die Brunnenarbeit "Urquell" sowie das „Goldsteinobjekt“.

 

Das Mühlrad der Geschichte

Heidi Bayer-Wech baut Säulen von unterschiedlicher Höhe und unterschiedlichem Durchmesser aus Säulentrommeln, die ihrerseits in Höhe und Gesteinsart differieren. Durch das Abkeilen der Steine entstehen an der Gesteinswandung lineare Strukturen unterschiedlicher Art, die den Steinen sowohl einen rohen, expressiven Charakter verleihen als auch eine Nuancierung der reichen Gesteinsfarbigkeit erzeugen. Der Wirkung von Druckstöcken ähnlich, heben sich ihre Einkerbungen als helle Strukturen hervor. Die unregelmäßigen, nur grob behauenen Trommeln zeugen noch von ihrem ursprünglichen Dasein im Steinbruch, von ihrer Gewinnung. Die mitunter starke Farbigkeit der Säulen ergibt sich durch die verwendeten, verschiedenen Gesteinsarten, unter anderem verwendet die Künstlerin Rottöne von italienischem Marmor,Tuff, Brekzie und Nagelfluh, Cremeweiß und helle Ockertöne unterschiedlicher Kalksteine, Grau von Granit, Muschelkalk, Nagelfluh, differenziertes Beigegrau von Goldbank und bläuliches Grau von Blaubank und Granit. Die rohen Steintrommeln erinnern an Mühlräder aus weltweiter Agrarkultur, die der Herstellung essentieller Nahrungsmittel wie Öl und Getreide dienten und weiterhin dienen. Das Moment der Drehung ist ihnen inhärent. Bei den “Geosäulen“ setzt Heidi Bayer-Wech die Steine nach dem Prinzip der stratigraphischen Erdschichtung übereinander, d.h. sie arbeitet parallel zur Natur und spürt auf diese Weise Zeitverläufen der Erdgeschichte nach. So wächst die kleine Säule in vertikaler Staffelung vom schwarzen Gabbro Granit bis zum wesentlich jüngeren Nagelfluh in die Höhe. Die Künstlerin gewährt gleichsam einen Blick ins Innere der Erde und verdeutlicht die anhand der Schichtung ablesbaren Zeitverläufe. So verbindet sie fernste Vergangenheit mit lebendiger Gegenwart. Heidi Bayer-Wech baut nicht nur Säulen, von bis zu zwei Metern Höhe, sondern auch Pfeiler aus markant gefurchten Quadern, die durch ihren rohen Charakter den Eigenwert des Gesteins bloßlegen und erfahrbar machen. In der „stonesteles“- Installation errichtet die Künstlerin eine architektonische Situation mit aufgerichteten und gestürzten Steintrommeln und -quadern gleich einem archäologischen Gelände von Fragmenten einstiger historischer Stätten. Das römische Forum Romanum und weitere weltweit existierende römische Tempel- bzw. Säulenstätten mögen dem Betrachter in den Sinn kommen. Heidi Bayer-Wech gelingt es mit ihren steinernen Säulen und Pfeilern dem Vergessen entgegenzuarbeiten und das Heute mit dem Damals in einen Dialog zu versetzen. Die Säule als räumliche Markierung, als Attribut der personifizierten Tapferkeit (fortitudo) und Herrschaftssymbol verbindet die irdische Welt mit der göttlichen Sphäre, die Säule trägt das Dach der Welt.

 
In ihren Brunnenarbeiten verleiht Heidi Bayer-Wech den Bewegungen des Wassers Ausdruck. In dem „Urquell“ betitelten Brunnen von 1984 gleitet das Wasser in bogenförmiger Bewegung von dem rund gefassten Quell über eine Art größere Muschelschale in ein wiederum tiefer gelegenes, aufnehmendes, großes Rundbecken.

Die ruhige Bewegung des gleitenden Fließens wird durch die fächerartige Rillenstruktur der Muschelschale geleitet und zur Anschauung gebracht. Die vertieften Rillen, die sich gleich Haarsträhnen einer Wassernymphe ausbreiten, lassen das Wasser in mehreren zarten Rinnsalen gleich einem perlenden Saum in das große Becken tropfen. Die Brunnenform der drei sich in der Größe steigernden Schalen, die den Verlauf des Wassers in drei verschiedenen Ebenen lenken, mag die Assoziation an einen Ammonit, eine versteinerte Schnecke hervorrufen und somit an einen entstehungsgeschichtlichen Prozeß erinnern. Die Form des Brunnens und das Element Wasser gehen hier eine sinnstiftende Verbindung ein. Erinnert die Form des Brunnens an die harmonische Spirale eines Ammonits so zeugt auch der verwendete rötliche Nagelfluh von einem Zusammenwirken von Wasser und Gestein in vergangenen Zeiten. Wie ganz selbstverständlich vermittelt uns die Künstlerin in ihrer Arbeit über die Ästhetik der Erscheinung hinaus Entstehungs- und Integrationsprozesse, die in die Gegenwart hineinreichen als sinnlich haptische Erfahrung. Vergangenheit, die in der Gegenwart als lebendiges Element mitschwingt. Der in Santa Maria Leuca, Apulien, 2004 während eines Bildhauersymposiums gefertigte dreiteilige Brunnen entstand aus ockerfarbenem Sandstein, der das warme, freundliche, südliche Licht zu speichern scheint. Dieser archaisch anmutende Brunnen aus wie roh belassenem Sandstein vermittelt die gelenkte Bewegung des Wassers als ruhiges Fließen, als linearen Verlauf. Seine Form erinnert an römische Wasserleitungen der Antike, an das hoch effiziente Bewässerungssystem antiker Kulturen oder auch die Urform des Wasserbehältnisses, die Tränke. Dadurch wird zugleich die Bedeutung des Wassers als höchstes Gut, als essentielles Lebenselement für Mensch und Tier erfahrbar. Die archaische Form des Brunnens, bestehend aus gesockeltem, langgestreckten, quaderförmigen Wasserlauf, kubischem Trinkbehälter mit runder, schalenförmiger Vertiefung und einer Halbsäule als Sitzgelegenheit wirkt in seiner Schlichtheit und der Konzentration auf stereometrische Grundkörper gleichsam als sakraler Ort. Das architektonische Ensemble von Heidi Bayer-Wech ruft sowohl die Erinnerung an den Brunnen als gemeinschaftstiftenden Bereich wie auch als sakralen Ort einer rituell begangenen, heiligen Quelle wach.

  Urquell    1984  -  Sehbehindertenzentrum in Unterschleißheim

Urquell   1984  -  Sehbehindertenzentrum in Unterschleißheim

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  Goldsteinobjekt    1984   -   Granit und Blattgold  -  80 x 80 cm

Goldsteinobjekt   1984   -   Granit und Blattgold  -  80 x 80 cm

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In der Arbeit „Goldsteinobjekt“ von 1984 verbindet Heidi Bayer-Wech das leichte, hauchdünne Blattgold, gleichsam als Epidermis, als fühlende Membran mit dem harten, widerstandsfähigen Granit in Form eines gelegten Quadrates aus Würfelelementen.

Schwere und Gewichtlosigkeit, Härte und Weichheit treffen hier zusammen, wobei letzteres auf ersterem zu liegen kommt. Die nach oben gewandte Seite, das „Gesicht“ des Würfels erstrahlt golden vor dem Dunkel des Granits. Goldglanz als spirituelles Licht zeigt sich verbunden mit dem Anthrazitgrau des Granits, von dem es ausstrahlt. Granit als Tiefengestein, als erhärtetes Magma ist ein Stein des Nicht-Vergessens, des bleibenden Erinnerns. Die Setzung der Würfel gleicht dem Muster eines Schachbretts und zugleich den Spielsteinen bzw. Figuren, die hier ihren schicksalverbundenen Weg nehmen. So sind in dieser Arbeit die Würfel als Setzungen gegen das Vergessen, als Erinnerung an Menschen, die mit ihrem Lebensweg und Wesen aus der Zeit in die Gegenwart hineinleuchten, zu verstehen. Der Arbeit eingeschrieben ist die Erinnerung an die Urgroßmutter der Künstlerin, Creszenzia Goldstein, als eines der siebzehn Kinder des Ehepaares Jakob und Anna Goldstein. 36 Steine bilden das gelegte Quadrat von 6 x 6. In der Mitte sind davon 19 Steine mit Gold belegt und mögen an die Anzahl der Familienmitglieder von Creszenzia Goldstein erinnern. Die 17 dunkelgrauen Steine des Randes fügen sich als Anzahl der Kinder um das innere Gold der Gesamtfamilie. Ein in das Grau der rechten Randzone gesetzter vergoldeter Stein mag an die Urgroßmutter selbst erinnern sowie die zwei goldenen Steine im Grau des linken Randstreifens an die Eltern Jakob und Anna Goldstein. Die granitgrau belassenen Würfel stehen stellvertretend für Familienmitglieder, deren bisher unbekannter Lebensweg noch nicht aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinleuchtet oder solche, die im Laufe der Zeit einen anderen Namen führen. So leuchtet in den Arbeiten von Heidi Bayer-Wech die Vergangenheit gegen das Vergessen in die Gegenwart hinein. Dr. Angelika Burger